Warum du prokrastinierst, hängt von deinem Persönlichkeitstyp ab
Du hast sicher auch diese zwei Kolleginnen, die dich immer wieder überraschen. Sie müssen dieselbe Projekt-Deadline befolgen, nutzen dieselben To-do-Apps und kennen dieselben Tipps, wie man Prokrastination überwindet.
Aber: Die eine liefert pünktlich und dabei entspannt, die andere schiebt alles bis zum Abend vorher auf – obwohl beide dieselben Produktivitätstricks gegen Prokrastination kennen. Warum nur funktioniert Ratgeber-Wissen bei manchen Menschen und bei anderen nicht?
Die Antwort liegt nicht in mehr oder weniger Willenskraft, sondern in der Persönlichkeit.
Genauer gesagt: darin, wie ein Mensch auf Erwartungen und Anforderungen reagiert – auf die von außen gestellten (eine Deadline, eine Bitte) und auf die selbst gesetzten (ein Vorsatz, ein eigenes Ziel).
Das ist der Kern des Four-Tendencies-Modells der amerikanischen Bestseller-Autorin Gretchen Rubin, die Menschen nach vier Grundtypen unterscheidet: Upholder, Questioner, Obliger und Rebel.
Was man auf den ersten Blick nicht gleich sieht: Dieses Modell erklärt nicht nur, warum wir Vorsätze einhalten oder brechen – es erklärt auch, warum wir aufschieben, und zwar auf typ-spezifisch unterschiedliche Weise.
Wenn du also dein Muster kennst, kannst du gezielt gegensteuern, statt dich nach pauschal empfohlenen Tipps zu richten, die aber nicht zu deiner Funktionsweise passen.
Nicht alle Anforderungen und Erwartungen sind gleich
Rubins Modell unterscheidet da zwei Arten:
- Äußere Erwartungen: Deadlines, Bitten, Anfragen, Vorgaben von Chefs, Kunden oder Familie
- Innere Erwartungen: selbstgesetzte Ziele, eigene Vorsätze, persönliche Ambitionen
Je nachdem, wie zuverlässig du auf diese beiden Erwartungsarten reagierst, entsprichst du grob einem von vier Typen – und folgst damit auch deinem spezifischen Prokrastinationsmuster.
Finde zuerst deinen Typ
Bevor es an die typspezifischen Lösungen geht, lohnt sich eine kurze Selbsteinschätzung. Gretchen Rubin bietet dazu einen kostenlosen Online-Test auf ihrer Website an (in englischer Sprache, ca. 10 Minuten). Auch wenn dieser Test wissenschaftlichen Anforderungen wahrscheinlich nicht genügt, kannst du damit erkennen, wie du dich gegenüber den täglich an dich gestellten Anforderungen verhältst.
Die vier Typen und ihre Prokrastinations-Muster
Der Upholder (Bewahrer): Prokrastination durch Perfektionismus
Upholder erfüllen äußere wie innere Erwartungen gewöhnlich zuverlässig. Mit ihren guten Vorsätzen und Zielen sind sie erfolgreich, und auch Aufgaben, die an sie herangetragen werden (aka Chef und Familie) erledigen sie wie selbstverständlich. Als typisches Beispiel für einen Upholder nennt Rubin Hermione Granger (für die Harry Potter Kennerinnen unter Euch).
Prokrastination ist bei ihnen selten, aber nicht ausgeschlossen. Ihr typisches Muster:
Wenn sie zögern, eine ihnen unangenehme oder unübersichtliche Aufgabe anzugehen, „arbeiten“ sie, statt z.B. auf Social Media abzuhängen. Wenn du also dazu neigst, erst einmal den Schreibtisch aufzuräumen oder staubzusaugen, statt dich an ein großes Kundenprojekt zu setzen, schiebst du in Wahrheit auf, auch wenn es sich gerade produktiv anfühlt. Und das ist das eigentliche Problem!
Manchmal wird auch Perfektionismus zur Blockade, weil Upholder alle Regeln für sich noch strenger auslegen als sie gedacht waren. Und sie finden kein Ende mit dem, was sie tun.
Was dir helfen kann:
- Wenn du merkst, dass du gerade eine Arbeit vor dir herschiebst und statt derer etwas anderes tust: Frag dich, warum das so ist und suche dir einen möglichst einfachen Einstieg in die ungeliebte Aufgabe. Kenne den ersten Schritt!
- Wenn du eigene Projekte verfolgst: Setz dir selbst definierte Deadlines und Kriterien, wann etwas gut genug ist, auch wenn niemand dich kontrolliert .
- Such dir generell „Gut genug“-Standards, um Perfektionismus zu vermeiden
Der Questioner (Hinterfrager): Prokrastination durch Recherche
Questioner folgen nur Erwartungen, die für sie logisch nachvollziehbar sind – was bei eigenen Projekten meist kein Ding ist. Jede Anforderung die von außen an sie herangetragen wird, müssen sie deshalb erst zu ihrem eigenen Projekt machen, wenn sie es angehen wollen. Und dafür wollen sie zuerst durch eine Menge Informationen überzeugt werden, dass sie dich Sache lohnt bzw. ihre Berechtigung hat.
Das Prokrastinationsmuster des Questioners: Sie verzögern den Start, solange der Sinn oder Nutzen einer Aufgabe sie nicht restlos überzeugt hat. Das kann dauern! Rubin nennt das Analysis Paralysis – festgefahren im Analyseprozess.
Was dir helfen kann:
- Wenn du am Sinn einer an dich gestellten Anforderung zweifelst: Finde ein berechtigtes „Warum“ dahinter.
- Sei dir auch bewußt, dass du gerne Gründe suchst, die genau gegen den Sinn eines Projektes sprechen – Schlupflöcher, durch die du dir die die Aufgabe sparen willst.
- Setz dir bewußt eine Zeitbegrenzung fürs Abwägen. Reichen dir 20 Minuten, um Klarheit zu bekommen? Dann halte dich daran.
Der Obliger (Verpflichter): Prokrastination in eigener Sache
Obliger sind das genaue Gegenteil vom Questioner: Aufträge, die man ihnen gibt, erfüllen sie zuverlässig, oft auf Kosten der eigenen Wünsche. Aber Obliger sind auch die Gruppe, die bei guten Neujahrsvorsätzen schnell aussteigt: Im Februar spätestens ist alles vergessen, was sie für sich persönlich geplant hatten. Denn für eigene Ziele fehlt ihnen häufig die Motivation, um durchzuhalten.
Damit sind Obliger die klassischen Prokrastinierer, die für ihr eigenes Leben wichtige Aufgaben immer wieder aufschieben und:
- Strafzinsen zahlen, weil sie die Steuererklärung zu spät abgeben
- ihren Keller immer noch nicht ausgemistet haben, obwohl der Sperrmüll morgen kommt
- ihre Geschäftsidee noch immer als Visionboard an der Wand sehen, aber noch keinen Schritt dahin unternommen haben
Einfach, weil sie die einzigen sind, die den Fortschritt kontrollieren müssen!
Was dir hilfen kann:
- Behandle eigene Ziele wie Verpflichtungen gegenüber anderen. Mach dir z.B. einen Termin im Kalender für deine Yoga-Übungen, die Programmierung deiner Website oder das Netzwerk-Treffen. So, als wäre es ein Kunden-Termin oder eine Veranstaltung, für die du ein Ticket bezahlt hast.
- Gib deinen Projekten eine eigene Deadline. Und handle danach.
- Kreire eine externe Verantwortung für deine Ziele: nimm an einer Mastermind-Gruppe teil in der du monatlich einmal Bericht über deine Fortschritte erstattest, oder erzähle einfach allen, dass du gerade für einen Halbmarathon im Oktober trainierst.
- Die kleine Version der Mastermind-Gruppe: Such dir einen Partner für einen wöchentlichen Check-In, an dem du über deine Fortschritte berichtest.
Der Rebel (Rebell): Prokrastination aus Protest
Rebels widerstehen jeder Form von Erwartung – auch selbstgesetzter. Sobald eine Aufgabe wie ein „Muss“ wirkt, entsteht Widerstand, selbst wenn sie die Aufgabe eigentlich erledigen wollen. Ein Beispiel: Auch ein Hobby kann sich wie Zwang anfühlen, wenn man sich mit angefangenen Projekten oder ungenutzten Tools konfrontiert sieht.
Psychologisch lässt sich das mit der Reaktanztheorie erklären: Jede empfundene Einschränkung der eigenen Freiheit löst einen Gegenimpuls aus. Ich würde das eine Form von Trotz nennen 😉
Was dir helfen kann:
- Mach die Aufgabe zu deiner eigenen Mission.
- Sieh sie als deine eigene Entscheidung an statt als Zwang: „Ich entscheide mich jetzt dafür“ statt „Ich muss das jetzt tun“
- Finde in der Aufgabe den Bezug zu deiner Identität: „Ich bin jemand, der das macht“
- Vielleicht hast du ja Wahlmöglichkeiten dabei, wie du die Aufgabe im Einzelnen umsetzt – etwa bei der Reihenfolge oder Methode der Erledigung.
Fazit: Du brauchst nicht mehr Disziplin, sondern die richtige Strategie
Die vier Muster zeigen: Prokrastination ist kein einheitliches Problem mit einer Lösung für alle. Ein Accountability-Partner, der einem Obliger enorm hilft, kann bei einem Rebel genau den Widerstand auslösen, den er eigentlich vermeiden sollte. Eine strikte To-do-Liste, die für Upholder selbstverständlich funktioniert, wirkt bei einem Questioner überhaupt nicht, wenn ihm der tiefere Sinn der Aufgaben nicht klar wird.
Wer wiederholt an denselben Standardtipps scheitert, hat also nicht zwangsläufig ein Willenskraft-Problem, sondern möglicherweise nur die falschen Strategien für den eigenen Typ gewählt.
Dein erster Schritt aus der Prokrastinationsfalle ist deshalb nicht ein neues Tool oder eine neue App, sondern Selbstkenntnis: Wie reagiere ich auf Erwartungen und was brauche ich wirklich, um ins Handeln zu kommen?
Viel Erfolg dabei!
Bild: Peterzikas


